Bruderherz

Bruderherz!
Mit ‚Bruderherz‘ begannen fast alle unsere Telefonate und unsere Treffen.
Wie oft haben wir Dich und Du uns so begrüßt.
Auch in unzähligen Nachrichten.
Bruderherz. – Du warst unser Bruderherz und Du hattest ein großes Bruderherz.

Bruderherz,
weißt Du noch, als wir noch Kinder waren?
Wie oft haben wir später über die Geschichten gesprochen und gelacht.
Wie wir uns gegenseitig über das Dach im Leonhardyweg haben klettern lassen. „Natürlich“ besonders gut abgesichert.
Wie wir mit den Mandarinen aus dem Nikolausschuh Tennis gespielt haben.
Sehr zur Freude der Tapete und unserer Eltern.

Bruderherz,
Du warst ein liebevoller Wirbelwind – hast mit Deinem großen Herz und Deiner Liebe jeden Raum und jede Gruppe in Windeseile eingenommen, mit Deinem Humor hast Du alle zum Lachen gebracht und ‚Kollatteralschäden‘ gleich wieder wett gemacht.
Du warst für unsere Kinder der tolle Tobe-Onkel, hast mit Sahne alle Geburtstagsgäste dekoriert, warst der mysteriöse Pirat bei der Schatzsuche oder bist mit Ole Kart fahren und segeln gegangen.
Gleichzeitig hast Du mit einer humorvollen Ernsthaftigkeit Ole ermahnt,
dass Du der einzige in der Familie ohne Abitur bist und das gefälligst auch bleiben möchtest.

Bruderherz,
Du warst für uns da.
Wenn man Dich brauchte, warst Du zur Stelle.
Mit vollem Einsatz. Deine Hilfsbereitschaft war unglaublich.
Und manchmal hatte man das Gefühl, Du willst der ganzen Welt helfen.
Wenn Dich ein Dir bekannter Türsteher anrief und fragte, ob Du Zeit hättest, kurz vorbei zu kommen, weil es ein Problem gebe, dann bist Du sofort mit ein paar Kumpels ins Taxi gesprungen, um mit Vollgas die „Tür zu verteidigen“. Angekommen stellte sich heraus: Es ging eigentlich nur um ein Problem mit der Musikanlage im Club.
Auch das warst genau Du.
„Fahren sie mich irgendwo hin, ich werd’ überall gebraucht“,
so könnte man Deine Einsatzbereitschaft überschreiben.

Bruderherz,
Deine Hilfsbereitschaft war oft auch die ‚Entschädigung‘ für die Sorgen,
die Du uns gemacht hast.
Wie oft mussten wir für Dich argumentieren oder Dich irgendwo raushauen? – manchmal am Rande der Legalität.
Wie oft warst Du plötzlich weg und unerreichbar?
So einige Male haben wir mit dem Schlimmsten gerechnet.
Und jedes Mal waren wir heilfroh, wenn Du dann plötzlich wieder da standest und gelächelt hast. Wenn Du uns irgendwas erzählt hast, irgendeinen guten Grund, warum Du nicht zur Verabredung kamst und Dein Telefon aus war.

Bruderherz,
Wie oft haben wir uns auch in den letzten Wochen und Tagen seit deinem Tod gedacht:
Bestimmt rufst Du gleich an, so wie Du immer angerufen hast.
Kurz angebunden und mit zehn Dingen gleichzeitig im Hintergrund.
So war Dein Leben.
Oder Du stehst einfach da und fragst Dich, was wir hier machen.
Warum wir so traurig sind.
– Das war nicht Dein Ding.
Mit Deiner Liebe und Deinem Humor würdest Du uns heute allen sehr gut tun.

Bruderherz,
Du hast uns so häufig eine schöne Leichtigkeit ins Leben gebracht mit Deinem Humor und Deinem Charme.
Zum Beispiel, wenn Du immer erzählt hast, Du seist Vizeweltmeister im Standardtanz 1993/94.
Und dann hast Du einfach losgetanzt und die Damen geführt,
egal ob jung oder alt.
Und das, obwohl Du keinen einzigen Schritt richtig konntest.
Oder Du standest, wie so oft, plötzlich hinter einem und hast einem den Nacken massiert.

Bruderherz,
Du hast schnell gelebt und warst immer unterwegs.
Allein sein, hast Du mal gesagt, kannst Du nur schlecht.
„Da geht der Kopfkrieg los“ – so waren Deine Worte.

Wie gern würden wir jetzt noch einmal mit Dir zusammensitzen,
ein paar Hefeweizen mit Dir trinken und von Dir hören,
wie es Dir ging in Deinen letzten Stunden, was Dich bewegt hat.
Ein bisschen bereuen wir, dass wir das nicht gemacht haben,
als Du noch da warst.
Aber so richtig über Gefühle und Probleme zu sprechen, das war nicht Dein Ding. Und unsers wohl auch nicht.

Wir haben hier noch einiges vor Bruderherz, aber sei Dir gewiss:
Irgendwann kommen wir zu Dir, nehmen Dich in den Arm und holen das nach!

Bruderherz,
Eine große Nähe und Intensität hatten wir auf unseren gemeinsamen Reisen.
2010 mit Carola in New York und letztes Jahr mit Christian in Barcelona.
Weitere sollten folgen.
Beide Reisen hast du mit deinem Humor, deiner Fähigkeit das Leben zu genießen und deiner Fürsorge bereichert:
Bei hunderten New York-Touristen hast du dich heimlich mit ins Erinnerungsfoto gestellt und in Barcelona glaubt heute noch ein Türsteher, Du und ich wären der Personenschutz des Prinzen Kolja gewesen….

Bruderherz,
wie oft hast Du jedem heldenhaft von Deinen Unfällen mit dem Motorrad erzählt. Wie Dich nichts aus der Bahn werfen konnte.

Wo immer Du auch bist jetzt: Wahrscheinlich sitzt Du auch dort da und erzählst von Deinem letzten Unfall. So schmerzhaft das für uns ist: Du sagst vielleicht: „Dann hat es diesmal halt nicht geklappt“.

Bruderherz,
Danke für die gemeinsame Zeit, die wir hatten.
Du hast in den 38 Jahren Deines Lebens wenig ausgelassen oder aufgeschoben, was das Leben und Genießen anbelangt.
Du hast wirklich gelebt.

Du hast mehr erlebt als andere in drei Leben.
Das stimmt uns ein kleines bisschen versöhnlicher mit Deinem frühen Tod.

Dein Bruderherz hat aufgehört zu schlagen und schlägt in unseren weiter.

Danke!

 

Til und Kolja

 

 

 

3 Gedanken zu „Bruderherz“

  1. Ich habe gerade durch Zufall auf Facebook diese Seite gesehen und irgendwie kam mir das abgebildete Foto und der Name bekannt vor.
    Kolja und ich sind vor einer ganzen Weile in eine Klasse auf die Paul Klee gegangen.
    Morten und kolja hatte immer extra Taschengeld für den Schulbäcker dabei… Woher nur 😉
    Irgendwann haben morten (der eine Klasse über uns war) und ich angefangen uns auch so zu treffen. Skateboard fahrn, mit nem Mini Edding Mülltonnen voll taggen und so Dinge die man in dem Alter tut wenn man einen Hang zum Grenzen ausloten hat.
    Nun haben wir uns alle bestimmt über 20 Jahre nicht mehr gesehen,aber die Erinnerungen, verbunden mit dieser traurigen Nachricht berühren mich sehr.
    Ich kann euch allen nur mein tiefes Mitgefühl aussprechen und das ihr in dieser scheiss Zeit Kraft und Trost findet.
    Herzlich
    Max

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